Frieden ist mehr als Verteidigung

Peace is more than Defence (English version below)

Conrad Schetter

07 October 2026

 

Zur Vergabe des Westfälischen Friedenspreises an die NATO

Am 1.Oktober 2026 erhielt die NATO den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens. Diese Auszeichnung ist bemerkenswert, da sie versinnbildlicht, wie sich seit dem Ukrainekrieg und der Zeitenwende unser Blick auf Frieden verschoben hat.

1648 wurde der Dreißigjährige Krieg, der ganz Mitteleuropa in Ruinen zurückließ, nach jahrelangen, zähen Verhandlungen beendet. Es war ein Krieg, in dem die Logik der Gewalt längst religiöse oder ideologische Motivationen abgelöst hatte und den keiner gewinnen konnte. Trotz Misstrauen auf allen Seiten stand am Ende der Verhandlungen ein mühsam ausgehandelter Kompromiss, dem alle zustimmen konnten – dies ist es wohl, was den Westfälischen Frieden ausmachte.

 

Widersprüchlich, aber nicht folgerichtig?

In seiner Rede nannte Bundeskanzler Friedrich Merz die Verleihung des Friedenspreises an die NATO auf den ersten Blick „widersprüchlich“; tatsächlich aber „folgerichtig“. Jedoch genau dieses „folgerichtig“ möchte ich in Frage stellen. Denn das Argument für die Preisverleihung ist, dass das Militärbündnis der NATO Verlässlichkeit schaffe und Frieden durch Stabilität ermögliche. Frieden wird damit aus der Logik einer einseitigen Sicherheitspolitik hergeleitet: Militärische Stärke dient der Abwehr und Abschreckung von Bedrohungen; wie dies auf der anderen Seite ankommt, interessiert nicht.

In der Friedensforschung wird zwischen negativem Frieden, also der Abwesenheit von Krieg, und positivem Frieden, also der Überwindung der Ursachen von Gewalt und Konflikten unterschieden. Letzterer entsteht durch Vertrauensbildung, Verhandlungsprozesse, gewaltfreie Konfliktbearbeitung und Kompromisse. In Münster entschied man sich für eine Auszeichnung im Sinne des negativen Friedens und verlor leider kein Wort darüber, wie erstrebenswert ein positiver Frieden ist.

Damit spiegelt die Preisverleihung die Politik der gegenwärtigen Bundesregierung wider: Deutschland wird 2026 bereits mehr als vier Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Verteidigung und Abschreckung ausgeben. Die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe und zivile Krisenprävention kürzte die Bundesregierung gleichzeitig drastisch zusammen. Die bittere Erkenntnis: Die Politik hat ihren Glauben an den positiven Frieden verloren. Doch geht diese Feststellung über ein bloßes Bedauern hinaus. Denn eine Aufrüstung ohne Verhandlungsangebote an die andere Seite verschärft das Sicherheitsdilemma. Was die eine Seite als Verteidigung versteht, liest die andere als Bedrohung. Ein Weg heraus aus diesem Dilemma wäre es, wenn sich die Bundesregierung etwa zum Advokaten eines Revivals der Rüstungskontrolle aufschwingen würde. So stellte im Kalte Krieg die Schaffung von Rüstungskontrolle die wichtigste vertrauensbildende Maßnahme dar. Das jüngste Treffen von Außenminister Johann Wadephul mit Sergei Lawrow stellt einen Hoffnungsschimmer für eine deutsche Verhandlungsbereitschaft dar, in der wieder mehr als negativer Frieden gewagt wird.

Mit dieser Einlassung will ich nicht bestreiten, dass Moskaus Krieg gegen die Ukraine völkerrechtswidrig ist und eine reale Bedrohung für Europa darstellt. Die Unterstützung der Ukraine ist legitim, und auch eine gezielte und durchdachte Investition in die Stärkung des NATO-Bündnisses macht Sinn. Denn Verteidigungsfähigkeit, nicht aber Kriegstüchtigkeit ist in Zeiten der Erosion einer regelbasierten Ordnung Voraussetzung für Frieden.

 

Keinen Friedenspreis, sondern einen Verdienstorden

Noch ein Wort zur Laudatio für die NATO: Es wäre ehrlich gewesen, wenn eine ehrliche Bilanz gezogen worden wäre. Zwar wird mit Recht auf den stabilisierenden NATO-Einsatz im Kosovo verwiesen; aber mit keinem Wort wird erwähnt, dass die Luftangriffe im Kosovokrieg 1999 ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats erfolgten. Auch der zwanzigjährige NATO-Einsatz in Afghanistan war wohl eher ein Desaster als eine Erfolgsgeschichte. Überhaupt: militärische Interventionen sind nur in seltenen Fällen friedensstiftend. Wer aber nur die Erfolge der NATO würdigt, verleiht keinen Friedenspreis, sondern einen Verdienstorden.

Die Auszeichnung verdeutlicht vor allem, wie sehr sich die öffentliche Debatte verschoben hat. Frieden wird nur noch in Kategorien von Militär und Aufrüstung gedacht. Dabei bräuchte es einen Preis, der sichtbar macht, dass es in Zeiten militärischer Aufrüstung Hoffnungsschimmer für die Schaffung eines positiven Friedens gibt – ob die Vermittlung in festgefahrenen Konflikten, Rüstungskontrollinitiativen oder Ansätze ziviler Konfliktbearbeitung, die oft mit schrumpfenden Budgets und jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit stattfinden. Ein Friedenspreis sollte diejenigen auszeichnen, die den Frieden machen, nicht diejenigen, die den Krieg verhindern wollen, indem sie sich auf ihn vorbereiten.

 

 

 

 

 

Peace Is More Than Defence

On the award of the Westphalian Peace Prize to NATO

On 1 October 2026, NATO received the International Prize of the Peace of Westphalia. The award is remarkable in that it epitomises how our understanding of peace has shifted since the war in Ukraine and the Zeitenwende (watershed).

In 1648, the Thirty Years' War, which had left all of central Europe in ruins, was brought to an end after years of gruelling negotiations. It was a war in which the logic of violence had long since displaced any religious or ideological motives, and which no one could win. Despite mistrust on all sides, the talks culminated in a painstakingly brokered compromise that all parties could accept. That, arguably, is what made the Peace of Westphalia what it was.

 

Contradictory, but logical?

In his address in Münster, German Chancellor Friedrich Merz described the decision to award the peace prize to NATO as "contradictory" at first glance, but on closer inspection "logical". Yet it is precisely this supposed logic that I wish to call into question. The case for the award rests on the claim that the military alliance provides reliability and makes peace possible through stability. Peace is thereby derived from the logic of a one-sided security policy: military strength serves to ward off and deter threats; how this is perceived by the other side is of no concern.

Peace research distinguishes between negative peace, the mere absence of war, and positive peace, the overcoming of the causes of violence and conflict. The latter emerges through confidence-building, negotiation, non-violent conflict resolution and compromise. In Münster, the choice fell on an award in the spirit of negative peace, and, regrettably, not a word was said on how desirable positive peace is.

In this respect, the award mirrors the policy of the current federal government. In 2026, Germany will already be spending more than four per cent of its economic output on defence and deterrence. At the same time, the federal government has drastically cut funding for development cooperation, humanitarian aid and civilian crisis prevention. The bitter realisation is that policymakers have lost faith in positive peace. Yet this observation goes beyond mere regret, for rearmament without any offer of negotiation to the other side exacerbates the security dilemma. What one side sees as defence, the other reads as a threat. One way out of this dilemma would be for the federal government to champion a revival of [HW1] arms control. During the Cold War, arms control was the most important confidence-building measure of all. The recent meeting between Foreign Minister Johann Wadephul and Sergei Lavrov offers a glimmer of hope that Germany is willing to negotiate, and to dare once more to aim for more than negative peace.

In saying this, I do not wish to dispute that Moscow's war against Ukraine is a violation of international law and poses a real threat to Europe. Supporting Ukraine is legitimate, and targeted, well-considered investment in strengthening the NATO alliance makes sense. For in an age in which the rules-based order is eroding, it is defence capability, not readiness for war (Kriegstüchtigkeit), that is a precondition of peace.

 

Not a Peace Prize, but an Order of Merit

A final word on the laudation for NATO: a sincere tribute would have been accompanied by an honest assessment of its record. The stabilising NATO mission in Kosovo was rightly cited, but no mention was made of the fact that the air strikes in the 1999 Kosovo War were carried out without a mandate from the UN Security Council. The twenty-year NATO mission in Afghanistan, too, was arguably more of a disaster than a success story. Indeed, military interventions only rarely bring about peace. Anyone who honours only NATO's successes is awarding not a peace prize but an order of merit.

Above all, the award shows just how much the public debate has shifted. Peace is now conceived almost exclusively in terms of the military and rearmament. What is needed instead is a prize that highlights the fact that, even in times of military build-up, there are glimmers of hope for building positive peace: mediation in intractable conflicts, arms control initiatives, or approaches to civilian conflict resolution that often take place on shrinking budgets and far from the public eye. A peace prize should honour those who make peace, not those who seek to prevent war by preparing for it.