Zwischen Aufrüstung und innerem Frieden: Ein Rückblick auf die Jahreskonferenz des Netzwerk Friedens- und Konfliktforschung NRW
English Version below
Author: Julia Flock
Photos by Julian Schindler
12 October 2026
Am 14. September 2026 fand im Festsaal der Universität Bonn die Jahreskonferenz des Netzwerks Friedens- und Konfliktforschung NRW statt. Das 2020 gegründete Netzwerk vereint Wissenschaftler:innen aus der Friedens- und Konfliktforschung in NRW. Auch das bicc ist Mitglied des Netzwerks, und sein wissenschaftlicher Direktor Prof. Dr. Conrad Schetter sitzt im Sprecher:innenrat. Mit rund 100 Teilnehmenden war die Veranstaltung ein klarer Erfolg und ein deutliches Zeichen für wachsendes Interesse an den Themen Frieden, Sicherheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Unter dem Motto „NRW: ZWISCHEN AUFRÜSTUNG UND INNEREM FRIEDEN“ ging es um den Rüstungsstandort NRW sowie um Aufrüstung und Polarisierung im Kontext von Flucht und Migration. Eröffnet wurde die Veranstaltung durch Frau Prof. Dr. Birgit Ulrike Münch (Prorektorin für Internationales an der Universität Bonn). In ihrer Rede erinnerte sie an die historische Bedeutung des Tagungsortes Bonn für die Konferenz: Bereits 1981 protestierten im Bonner Hofgarten hunderttausende Demonstrierende gegen die atomare Aufrüstung – eine der größten Demonstrationen der bundesdeutschen Geschichte. Über 40 Jahre später wird Bonn erneut zum Schauplatz einer Aufrüstungsdebatte: Wie viel Aufrüstung verträgt der innere Frieden?
Panel 1: Frieden und ethisches Wirtschaften in Zeiten der Aufrüstung
Genau an diese Frage knüpfte das erste Panel an – und lieferte gleich eine unbequeme Antwort: Die Verantwortung der Wirtschaft reicht offenbar weiter, als viele Unternehmen wahrhaben wollen. Unter der Moderation von Prof. Dr. Pierre Thielbörger (IFHV - Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht, Ruhr-Universität Bochum) diskutierten Prof. Dr. Kai Koddenbrock (Universität Bielefeld), Dr. Max Mutschler (bicc - Bonn International Centre for Conflict Studies), Prof. Dr. Ulrich Schlie (CASSIS - Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies, Universität Bonn) und Dr. Carmen Wunderlich (INEF - Institut für Entwicklung und Frieden, Universität Duisburg-Essen) über Rüstungsexportkontrolle und die deutsche Aufrüstung.
Aktuelle Umfragen zeigen: Ein erheblicher Teil der Unternehmen in NRW ist bereits Teil der Wertschöpfungskette der Rüstungsindustrie – viele planen dabei, ihr Engagement noch weiter auszubauen. Vor diesem Hintergrund war ein zentraler Diskussionspunkt der auffällige Wertewandel: Wo früher Abrüstung als moralischer Imperativ galt, wird heute zunehmend Aufrüstung so gerahmt. Eine echte gesellschaftliche Umkehr in dieser Frage sei jedoch noch nicht erkennbar, so Dr. Carmen Wunderlich.
Auf die zugespitzte Frage, ob es sich bei der aktuellen Aufrüstungsdebatte nicht letztlich um ein verstecktes Konjunkturprogramm handle, antwortete Prof. Dr. Kai Koddenbrock mit einem klaren Ja: Angesichts der wirtschaftlichen Krisensituation in Deutschland und ausbleibender Innovation sei fraglich, ob die Rüstungsindustrie tatsächlich die Lösung sei. Die hohe Verschuldung für Aufrüstung habe unklare Beschäftigungseffekte und könne gleichzeitig von Gegnern als Bedrohung wahrgenommen werden, was die Politik insgesamt höchst fragwürdig mache.
Uneinigkeit herrschte darüber, wie viel Aufrüstung gerechtfertigt ist – wenn überhaupt. Einig war man sich jedoch darin, dass eine regelrechte Goldgräberstimmung entstanden ist. Besonders deutlich wurde die Frage nach Verantwortung in einem Beitrag von Dr. Max Mutschler, der als bicc-Forscher die Diskussion um Selbstverantwortung der Rüstungsindustrie kritisch einordnete: „Aus meiner Sicht muss der Kontrollimpuls aus der Politik kommen. Es gibt immer diese Debatte über Selbstverantwortung: müssten die Unternehmen nicht auch auf bestimmte Geschäfte verzichten. Es wäre schön, wenn wir das hätten, aber es wird von allen abgestritten […] und die Verantwortung auf die Politik geschoben." Wie sehr sich Unternehmen dieser Verantwortung bislang entziehen, zeigt auch der Blick auf NRW, einen der wichtigsten Standorte der deutschen Rüstungsindustrie. Das Panel mahnte, sich dabei nicht täuschen zu lassen: Neben Lieferungen an NATO-Bündnispartner und die Ukraine gehen weiterhin erhebliche Exporte etwa nach Saudi-Arabien.
Panel 2: Polarisierung in Zeiten von Flucht und Migration
Ging es im ersten Panel um wirtschaftliche und politische Verantwortung, rückte das zweite Panel die gesellschaftliche Realität in den Fokus: Wie verändert sich das Zusammenleben, wenn Migration zum Wahlkampfthema wird? Unter der Moderation von Prof. Dr. Rosario Figari Layus (Zentrum für Versöhnungsforschung, Universität Bonn) kamen in diesem Panel Dr. Kerstin Eppert (IKG - Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Universität Bielefeld), Dr. Sissy Katsoni (IFHV - Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht, Ruhr-Universität Bochum) und Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach (Fachhochschule Münster) zusammen.
Einleitend hielt die Runde fest: Migration und Flucht sind kein neues Phänomen. Problematisch sei vielmehr die Instrumentalisierung des Themas durch politische Akteur:innen, etwa im Rahmen von Wahlkämpfen. Damit verbunden stellten sich für das Panel grundsätzliche Fragen zur Integrationspolitik sowie dazu, inwiefern demokratische Prozesse durch eine solche Instrumentalisierung gefährdet werden können.
Den Auftakt machte Prof. Dr. Sebastian Kurtenbach, der dem Polarisierungsbegriff widersprach: Was gesellschaftlich beobachtbar sei, seien weniger klare Polarisierungen als vielmehr unterschiedliche Formen von Ungleichheit in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft. Migration lasse sich zunehmend nicht als einheitliches Phänomen behandeln, stattdessen bedarf es einer Differenzierung – etwa zwischen innereuropäischer Migration und Fluchtmigration. So könnten trotz vergleichbarer Migrationszahlen in unterschiedlichen Kreisen oder Städten ganz unterschiedliche Themen und Prioritäten entstehen. Außereuropäische Fluchtmigration stelle dabei noch einmal ein eigenes, neuartiges Thema dar. Diese starke Fragmentierung mache es entsprechend schwierig, daraus eine kohärente politische Strategie abzuleiten.
Dass Migration so unterschiedlich wahrgenommen wird, hat für Dr. Sissy Katsoni auch mit der Frage zu tun, wer im öffentlichen Diskurs eigentlich sichtbar wird – und wer nicht. Sie plädierte für eine feministische Perspektive. Diese helfe nicht nur Frauen, sie schütze auch Männer, die stereotypisiert und zu Sündenböcken gemacht werden, während politische Versäumnisse aus dem Blick geraten.
Zuletzt setzte Dr. Kerstin Eppert an der Begrifflichkeit selbst an: Pluralität in einer Demokratie sei nicht mit Polarisierung gleichzusetzen; der Polarisierungsbegriff selbst sei in der Forschung nicht unumstritten und bedürfe einer Differenzierung. Polarisierung sei unter anderem als eine Dynamik innerhalb von Konflikten zu verstehen. Gefährlich für die Demokratie werde es dann, wenn Menschen mit einer anderen Meinung pauschal einer Gruppe zugeordnet werden, deren Lebensrealität als unvereinbar mit der eigenen wahrgenommen wird. Entscheidend sei daher, Polarisierung als Prozess zu begreifen: Kritisch werde es, wenn pauschale Zuweisungen entlang einer ‚Feindskala‘ vorgenommen werden und sich keine Konsense mehr finden lassen, etwa wenn staatliche Institutionen nicht mehr anerkannt werden oder deren Vertreter:innen die Zuständigkeit abgesprochen wird.
Ausblick
Beide Panels machten deutlich, dass einfache Antworten fehlen – und dass genau das der Ausgangspunkt für mehr kritischen Diskurs sein sollte. Die Jahreskonferenz hat einmal mehr gezeigt: Frieden, Wirtschaft und gesellschaftlicher Zusammenhalt lassen sich nicht getrennt voneinander denken. Wir freuen uns auf den weiteren Austausch im Netzwerk.
Between Rearmament and Internal Peace: Highlights from the NRW Network for Peace and Conflict Research Conference
On 14 September 2026, the annual conference of the Netzwerk Friedens- und Konfliktforschung NRW (North Rhine-Westphalia network for peace and conflict research) took place in the Grand Hall of the University of Bonn. The network, founded in 2020, brings together researchers in peace and conflict studies in North Rhine-Westphalia (NRW). bicc is also a member of the network, with its Academic Director Professor Dr Conrad Schetter serving on the spokespersons’ council. With around 100 participants, the event was a clear success and a strong sign of growing interest in topics such as peace, security and social cohesion.
Under the theme ‘NRW: Between Rearmament and Internal Peace’, the event focused on NRW as a centre for the arms industry, as well as on rearmament and polarisation in the context of migration. The event was opened by Professor Dr Birgit Ulrike Münch (Vice-Rector for International Affairs at the University of Bonn). In her speech, she recalled the historical significance of Bonn as the venue for the conference: As early as 1981, hundreds of thousands of demonstrators protested against nuclear rearmament in Bonn’s Hofgarten—one of the largest demonstrations in the history of the Federal Republic of Germany. Over 40 years later, Bonn is once again the scene of a debate on rearmament: How much rearmament can internal peace tolerate?
Panel 1: Peace and Ethical Business Practices in Times of Rearmament
The first panel addressed precisely this question—and immediately provided an uncomfortable answer: The responsibility of the business sector apparently extends further than many companies are willing to admit. Moderated by Professor Dr Pierre Thielbörger (IFHV – Institute for International Law of Peace and Armed Conflict, Ruhr University Bochum), the discussion featured Professor Dr Kai Koddenbrock (University of Bielefeld), Dr Max Mutschler (bicc – Bonn International Centre for Conflict Studies), Professor Dr Ulrich Schlie (CASSIS – Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies, University of Bonn) and Dr Carmen Wunderlich (INEF – Institute for Development and Peace, University of Duisburg-Essen), who discussed arms export controls and German rearmament.
Recent surveys show that a significant proportion of companies in NRW are already part of the arms industry’s value chain—and many are planning to expand their involvement even further. Against this backdrop, a key point of discussion was the striking shift in values: whereas disarmament was once regarded as a moral imperative, rearmament is now increasingly framed as a moral duty. However, according to Dr Carmen Wunderlich, a genuine societal turnaround on this issue is not yet apparent.
When asked point-blank whether the current rearmament debate is not ultimately a disguised economic stimulus programme, Professor Dr Kai Koddenbrock replied with a clear “yes”: Given the economic crisis in Germany and the lack of innovation, it is questionable whether the arms industry is actually the solution. The high levels of debt incurred for rearmament have unclear effects on employment and could, at the same time, be perceived as a threat by opponents, which makes the policy as a whole highly questionable.
There was disagreement over how much rearmament is justified—if any at all. However, there was consensus that a veritable gold-rush atmosphere had emerged. The question of responsibility came across particularly clearly in a contribution by Dr Max Mutschler, a bicc researcher, who took a critical look at the debate surrounding the arms industry’s self-regulation: “In my view, the impetus for control must come from politics. There is always this debate about self-regulation: Shouldn’t companies also refrain from certain business deals? It would be nice if we had that, but everyone denies it […] and shifts the responsibility onto politics.” A look at NRW, one of the most important centres of the German arms industry, also shows how far companies have shirked this responsibility to date. The panel warned against being misled by this: Alongside deliveries to NATO allies and Ukraine, substantial exports continue to go to countries such as Saudi Arabia.
Panel 2: Polarisation in the Context of Forced Displacement and Migration
Whilst the first panel focused on economic and political responsibility, the second panel turned its attention to social realities: How does coexistence in society change when migration becomes an issue during election campaigns? Moderated by Professor Dr Rosario Figari Layus (Center for Reconciliation Studies, University of Bonn), this panel brought together Dr Kerstin Eppert (IKG – Institute for Interdisciplinary Research on Conflict and Violence, University of Bielefeld), Dr Sissy Katsoni (IFHV – Institute for International Law of Peace and Armed Conflict, Ruhr University Bochum) and Professor Dr Sebastian Kurtenbach (FH Münster University of Applied Sciences).
To begin with, the panellists noted that migration and displacement are not new phenomena. Rather, the problem lies in political actors exploiting the issue, for example, in the context of election campaigns. This raised fundamental questions regarding integration policy and the extent to which democratic processes can be jeopardised by such exploitation.
Professor Dr Sebastian Kurtenbach opened the proceedings by challenging the concept of polarisation: What is observable in society, he argued, is not so much clear-cut polarisation as different forms of inequality within an increasingly fragmented society. Migration can no longer be treated as a uniform phenomenon; instead, a distinction must be made—for example, between intra-European migration and refugee migration. Thus, despite comparable migration figures, very different issues and priorities may arise in different districts or cities. Refugee migration from outside Europe, he noted, represents yet another distinct and novel issue. This high degree of fragmentation therefore makes it difficult to derive a coherent political strategy from it.
For Dr Sissy Katsoni, the fact that migration is perceived so differently is also linked to the question of who is actually visible in public discourse—and who is not. She argued in favour of a feminist perspective. In her view, this not only helps women but also protects men who are stereotyped and made into scapegoats, whilst political failures are overlooked.
Lastly, Dr Kerstin Eppert addressed the terminology itself: Plurality in a democracy should not be equated with polarisation; the concept of polarisation is itself controversial among researchers and requires further differentiation. Polarisation should be understood, amongst other things, as a dynamic within conflicts. It becomes dangerous for democracy when people with differing opinions are indiscriminately assigned to a group whose lived reality is perceived as incompatible with one’s own. It is therefore crucial to understand polarisation as a process: The situation becomes critical when sweeping categorisations are made along a ‘scale of enmity’, and consensus can no longer be reached, for example, when state institutions are no longer recognised or their representatives are denied authority.
Outlook
Both panels made it clear that there are no simple answers, and that this is precisely where a more critical discourse should begin. The annual conference demonstrated once again that peace, the economy and social cohesion cannot be considered in isolation from one another. We look forward to further discussions within the network.